10 Jahre Umlaut-Domainnamen in der Schweiz – ein Rückblick

Vor genau zehn Jahren, am 1. März 2004 um 12:00 Uhr, wurden .ch- und .li-Domainnamen mit Umlauten zur Registrierung freigegeben. Damit kamen zu den 37 registrierbaren Zeichen (a-z, 0-9, Bindestrich) weitere 32 Zeichen europäischer Alphabete hinzu (vgl. nachfolgende Grafik). Gleichzeitig wurde die maximale Länge von Domainnamen von 24 auf 63 Zeichen erhöht.

IDN-Domains: zusätzliche Zeichen seit 1.3.2004

Technische Aspekte

Während die bisher erlaubten Zeichen der ASCII-Kodierung bzw. dem amerikanischen Sprachgebrauch entsprechen, liegen die neuen Zeichen ausserhalb dieser Zeichenkodierung. Sie können deshalb nur indirekt verwendet werden, indem die Internationalisierten Domainnamen oder IDN-Domainnamen in ein ASCII-kompatibles Format (kurz: ACE) umgewandelt werden. Dabei wird mittels Punycode das nichtkompatible Zeichen entfernt und am Ende des Domainnamens in Form eines ASCII-Strings wieder hinzugefĂĽgt, in dem Position und Art des Zeichens enthalten ist. Dem Domainnamen wird das ACE-Präfix „xn--“ vorangestellt, um ihn von klassischen ASCII-Domainnamen zu unterscheiden. Beispiel:

IDN-Domainname: Beispiel häkeln.ch

Die Zeichenfolge „xn--“ wurde gewählt, da sie in Namen und Worten ansonsten nicht vorkommt. Aus dieser Zeit stammt ĂĽbrigens das noch heute gĂĽltige Verbot zweier Bindestriche an dritter und vierter Stelle. Um die IDN-Domainnamen richtig „ĂĽbersetzen“ zu können, war anfangs ein spezielles Browser-Plugin nötig.

Keine Sunrise-Periode

Leider erhielten weder Inhaber von Kennzeichenrechten noch Inhaber von Domainnamen mit ausgeschriebenen Umlauten (bspe. ue statt ĂĽ) die Gelegenheit, im Voraus die entsprechenden Domainnamen zu reservieren. Eine solche Sunrise-Periode hilft, die Nachteile des „first come first served“-Prinzips abzuschwächen, da gerade bei beliebten Domainnamen mit vielen Interessenten wie „mĂĽller.ch“ viele die Ersten sein möchten. Beispielsweise wurde beim Start der Europa-Top-Level-Domain „.eu“ eineinhalb Jahre später eine Sunrise-Periode durchgefĂĽhrt. Eine solche ist immerhin fĂĽr die EinfĂĽhrung der Top-Level-Domain .swiss geplant – aus Fehlern wird man klug.

Persönlicher Rückblick auf den 1. März 2004: Totales Chaos

Ich sass am 1. März 2004 rechtzeitig vor dem Computer, um meine gewĂĽnschten Umlaut-Domainnamen zu registrieren. Meine Liste umfasste lediglich zwei Einträge, von denen ich bereits die Domainnamen mit ausgeschriebenen Umlauten besass. Die Nachfrage war jedoch so gross, dass SWITCH sein Netzwerk dadurch vor der Ăśberlastung schĂĽtzte, dass nur so viele Antragsteller zugelassen wurden, wie vom System verarbeitet werden konnten. Die Vollbelastung dauerte gemäss SWITCH bis um 18 Uhr und dann nochmals nach den Nachrichtensendungen „Tagesschau“ und „10 vor 10“ mit Berichten ĂĽber den IDN-Start. Als es mir endlich gelang, zur Registrierung zugelassen zu werden, war einer der beiden Domainnamen – der fĂĽr mich wichtigere – bereits weg und bleibt bis heute verloren. Dies ärgert mich noch immer.

WIPO-Verfahren um IDN-Domainnamen

Die fehlende Sunrise-Periode und das überlastete Netzwerk am Starttag hatte wie erwartet dazu geführt, dass viele Domainnamen von Nichtberechtigten registriert wurden. In der Folge wurden von Inhabern von Kennzeichenrechten noch im selben Jahr 14 WIPO-Verfahren angestrebt, um Domainnamen mit deutschen Umlauten zurück zu erhalten, darunter die ÖKK, Würth, Feldschlösschen, Rhäzünser oder die Bank Julius Bär, und ein einziges im Jahr danach betreffend zwei Domainnamen mit französischen Akzenten. Seither hat es keine weiteren WIPO-Verfahren um IDN-Domainnamen mehr gegeben. Ob ein registrierter Domainname mit ausgeschriebenem Umlaut ohne weitere Kennzeichenrechte einen Anspruch auf den identischen Domainnamen mit Umlaut verschafft, ist umstritten.

Heute in der Schweiz unbedeutend

Innerhalb der ersten 24 Stunden wurden rund 14’500 Schweizer IDN-Domainnamen registriert. Bis Mitte April 2004 stieg diese Zahl auf rund 23’500 weiter an. Ihr Anteil am gesamten Domainnamen-Bestand betrug damit 4,1%. Seither stagniert ihre Zahl und liegt heute mit rund 24’000 fast gleich hoch wie damals, während die Zahl der ĂĽbrigen Domainnamen um ĂĽber das Dreifache angestiegen ist. Der Anteil der IDN-Domainnamen ist damit auf 1,3% gefallen.

Auch in der Schweizer Ă–ffentlichkeit nimmt man die Umlaut-Domainnamen kaum wahr, da sie meist auf das Pendant mit ausgeschriebenen Umlauten umgeleitet werden. Dies auch deshalb, weil es Probleme gibt, sie fĂĽr E-Mail-Adressen zu verwenden (es wird die ACE-Version mit xn-- angezeigt) oder beim Teilen ĂĽber Soziale Medien (auch hier wird die ACE-Version angezeigt). Im Ausland hingegen findet mit der EinfĂĽhrung der neuen Top-Level-Domains mit Zeichen ausserhalb des ASCII-Bereichs, z.B. im arabischen oder asiatischen Raum, ein grosses Revival statt.

Ich empfehle, fĂĽr Website-Projekte immer beide Versionen, d.h. mit Umlaut und mit ausgeschriebenem Umlaut, zu registrieren. Ich selbst habe zum jetzigen Zeitpunkt elf Umlaut-Domainnamen registriert.